Titelbild: Platz für mich? Ja!

Gedanken für den Tag

Ab 23. Februar spricht MMag. Michael König in der morgendlichen Ö1-Radiosendung „Gedanken für den Tag“ (Montag bis Samstag, 6.56 Uhr) über die unterschiedlichen Aspekte des Bettelns.

Samstag, 28. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Fair play in Europa mit bettelnden Menschen:


Fast jeder kennt sie in seinem Familien- oder Bekanntenkreis: Die 24-Stunden-Betreuungs- und Pflegekräfte aus der Slowakei, aus Ungarn oder Rumänien, ohne deren Einsatz wir bereits jetzt einen Pflegenotstand hätten. Undenkbar, wie die westeuropäischen Gesundheitssysteme ohne jene 6000 Ärztinnen und Ärzte funktionieren würden, die in den letzten drei Jahren Rumänien verlassen haben. Man heißt sie willkommen, die rumänischen, slowakischen oder bulgarischen Fachkräfte, know-how-Träger, Erntehelfer, Pflegekräfte und Ärzte, betrachtet sie als Teil unserer Gesellschaft und würdigt ihren Einsatz.

Bettelnde Menschen aus diesen Ländern möchten viele jedoch nicht als Teil unserer Gesellschaft sehen.
Manchmal habe ich den Eindruck: Wenn uns das freie Europa nützt, dann freuen wir uns über die offenen Grenzen. Wenn wir die Nehmenden sind, dann machen wir weit auf. Wenn wir aber die Gebenden sein sollen, dann möchten wir die Grenzen dicht sehen. Wir wollen an den Ressourcen unserer südosteuropäischen Nachbarländer teilhaben, nicht aber an deren Armutsproblem. Verständlich ist das. Pflegekräfte sollen kommen, Bettler und Bettlerinnen sollen dort bleiben, wo sie sind.

Ein solidarisches Europa heißt für mich jedoch: das große südosteuropäische Armutsproblem als eine gemeinsam zu lösende Herausforderung zu begreifen, an der Europa wachsen kann. Dann werde ich nicht mehr länger von einem Bettlerproblem sprechen, sondern von einem Armutsproblem europäischer Dimension, für dessen Bewältigung ich auch von Österreich aus einen Beitrag leisten kann.

Freitag, 27. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettler und ihre Bande


Was würde ich eigentlich tun, würde mich die Not wochenlang zum Betteln zwingen, 1000 Kilometer entfernt von Salzburg in einer bulgarischen Stadt? Ich würde versuchen, für mein psychisches Überleben mit Menschen zu reisen, die mir vertraut sind und deren Sprache ich spreche. Ich würde versuchen, mit ihnen einen Schlafplatz zu organisieren. Ich würde mich mit ihnen am Abend treffen wollen. Ich würde organisieren, dass jemand das Geld meiner Gruppe einsammelt, damit es bei Polizeikontrollen wegen des Verdachtes von organisiertem Betteln nicht abgenommen wird. Das alles wäre Ausdruck eines gesunden Überlebenswillens und von sozialen Kompetenzen.

Das wenige, das man landläufig von den bettelnden Menschen aus südosteuropäischen Ländern weiß oder vermutet, ist, dass viele gemeinsam mit einigen Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn die lange Anreise organisieren. Und um nicht in völliger Isolierung wochenlang alleine auf den Straßen von Salzburg, Wien, Graz oder Linz Beschäftigung zu suchen oder zu betteln. Sie scheinen sich auch bei der Aufteilung der Bettelplätze in irgendeiner Form abzustimmen. Manche organisieren auch ihre Schlafplätze, in ihren Autos oder unter regengeschützten Brücken.
Viele dieser Notreisenden scheinen in der Erfahrung starker familiärer Bande ihr psychisches und soziales Überleben in der Fremde zu sichern. Eine extreme Notsituation stärkt familiäre Bande. Not hält Menschen zusammen. Jeder kennt aus eigener Erfahrung, wie wichtig tragende solidarische menschliche Bindungen gerade in Krisen- und Notzeiten sind. Bettlern und Bettlerinnen im gesellschaftlichen Diskurs in Würde zu begegnen heißt, sie nicht nur als arme Menschen zu sehen: sie sind auch Menschen mit Kompetenzen, die ich würdigen kann.

Donnerstag, 26. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettelnden Menschen auf Augenhöhe begegnen


Kürzlich habe ich mich gefragt: Was heißt es eigentlich, einem bettelnden Menschen auf Augenhöhe zu begegnen?
Das könnte bedeuten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich in seinen vielen menschlichen und sozialen Qualitäten mir gegenüber aufzurichten, und sich selbst nicht nur als armen, erniedrigten Bettler erleben zu müssen. Ich könnte diesen bettelnden Menschen als alleinerziehende Mutter, als stolzen Vater, als arbeitssuchende Tochter, als arbeitslosen Tischler, als begabte Korbflechterin, oder als pensionierten Gymnasiallehrer kennenlernen. Also als Mensch wie du und ich. Das waren Beispiele von bettelnden Menschen, von denen ich im letzten Jahr etwas erfahren durfte.

Begegnung auf Augenhöhe könnte aber auch bedeuten: Ich selbst gehe zu Boden, hinunter zur Lebenswirklichkeit und zur Lebensgeschichte dieser Menschen. Ich gehe hinab zu ihnen. Ich stelle Kontakt, vielleicht sogar Beziehung her. Ich lasse mich auf kurze Begegnungen ein. Ich beginne Fragen zu stellen, anstatt die üblichen Bettlerplattitüden zu wiederholen. Ich besuche sie dort, wo sie herkommen. Überraschende Einsichten werden sich dann auftun. Wie immer, wenn man sich auf jemanden einlässt, der einem vorher fremd war.

Vielleicht könnte aus dieser Bewegung des Einlassens und des In-Kontakt-Tretens mit unseren Bettlerinnen und Bettlern auf Augenhöhe ein Klima wachsen, das – ohne Sozialromantik – von Mitgefühl und Respekt gegenüber bettelnden Menschen geprägt ist.

Mittwoch, 25. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettelnde Menschen können es Keinem Recht machen


Ein guter Freund hat mir erzählt, dass er den Anblick von Bettlerinnen und Bettlern nicht aushalte, wenn diese im Regen und bei Nässe auf der Straße sitzen. Sie sollen sich doch wenigsten eine Gemüsekiste vom Wochenmarkt nehmen, um nicht am Boden sitzen zu müssen. „Was eigentlich ist die richtige Bettlerpose“, habe ich ihn dann gefragt. Rasch ist uns klar geworden: Wenn wir Menschen nicht bei uns haben wollen, werden wir ihnen jedes Verhalten vorwerfen. Ein lachender Bettler kommt nicht gut an. Ein Bettler mit leerem, traurigem Blick kann mir auch rasch auf die Nerven gehen. Eine Bettlerin auf dem nassen Boden sitzend macht mich vielleicht aggressiv. Und die Vorstellung, dass die bettelnden Menschen in Wien, Salzburg oder Graz auf einem Klappstuhl sitzen würden, passt wohl auch nicht so recht in mein Bettlerbild. Schmuddelige Kleidung wirkt leicht abstoßend, ein Bettler mit einem Sakko aus einem Second-hand-Shop würde auch Irritationen hervorrufen.

Wenn mich ein Mensch grundsätzlich irritiert, dann werde ich ihm jedes Verhalten zum Vorwurf machen.

Es ist zumeist nicht das reale Verhalten eines Bettlers oder einer Bettlerin, das so verstört. Es sind die eigenen Ängste vor einem derartigen Leben, meine Irritationen, es ist meine Überforderung, mit der sichtbar gewordenen Armut umzugehen.
Wenn ich all diesen Verstörungen in mir Raum gebe, dann kann irgendwann die Aggression gegen bettelnde Menschen einem Mitgefühl weichen. Und es wird dann sekundär sein, ob dieser bettelnde Mensch mir einen guten Tag wünscht oder nicht, ob er oder sie steht, sitzt oder kauert.

Dienstag, 24. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Bettelnden Menschen ihre Würde lassen


Unlängst habe ich beim Gang in einen Supermarkt beobachtet, wie der üblicherweise sehr kundenfreundliche Filialleiter einen still auf den Eingangsstufen seines Geschäftes sitzenden Bettler in harschem Ton angesprochen hat. Der etwa 40-jährige bettelnde Mann hatte vor sich einen Becher stehen. „Du weggehen da, da stell dich auf die Seite“. Die Szene hat mich verstört. Nicht deswegen, weil der Filialleiter diesen Mann ersucht hat, sich nicht auf die Stufen zu seinem Geschäftseingang zu setzen. Ich denke, es ist wichtig und legitim, mit den bettelnden Menschen unserer Gesellschaft Regeln zu vereinbaren, die für ein konfliktfreies Zusammenleben unterstützend sind.
Was mich verstört hat, war vielmehr, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser südosteuropäische Staatsbürger mit dem abschätzigen, distanzlosen „Du“ angesprochen wurde. Ich hab das als würdelos empfunden.

Bettlerinnen und Bettlern in unserer Gesellschaft einen würdevollen Platz zu geben, beginnt bei der Haltung, mit der ich ihnen begegne. Bettelnde Menschen spüren es, ob man sie mit einem freundlichen Blick würdigt. Immer mehr Menschen unserer Gesellschaft versuchen in irgendeiner Weise Kontakt zu „ihren“ Bettlern herzustellen, die sie täglich am Weg zur Arbeit treffen. Manchmal ist es nur ein Morgengruß, der menschliche Wärme ausstrahlt und gut tut. Das gibt diesen Notreisenden das Gefühl, nicht völlig kontaktisoliert am Rande sondern doch innerhalb unserer Gesellschaft leben zu können, wenn schon nicht als willkommene, dann zumindest als akzeptierte europäische Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Montag, 23. Februar
Gedanken für den Tag – Die Würde bettelnder Menschen ist unantastbar

Wie es den bettelnden Menschen mit uns geht:


Im vergangenen Sommer habe ich ein Dorf in Südrumänien besucht. Es ist jenes Dorf, aus dem eine größere Zahl von Menschen kommt, die in Salzburg betteln. Bei meinen Begegnungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern habe ich sie immer wieder gefragt: „Wie geht es Ihnen, wenn Sie in Salzburg betteln müssen?“ „Betteln, das ist bitter für mich“, hat eine Frau geantwortet. „Als ich mich das erste Mal auf die Straße gesetzt habe, hab ich mich so sehr geschämt“, meinte eine andere unter Tränen.

Ich höre oft von einem Bettlerproblem, das wir in unseren Städten haben. In so gut wie allen westeuropäischen Städten seien sie zur Belastung geworden. Die verarmten Menschen aus südosteuropäischen Ländern, die die Not des Überlebens auf die Reise treibt. Viele haben ein Problem mit ihnen. Mit ihren Posen, ihren notleidenden Blicken, manchmal ihrer gefühlten, manchmal ihrer tatsächlichen Aufdringlichkeit, oftmals ihren sichtbaren Krankheitsleiden. Die ständige Unsicherheit, wie man mit bettelnden Menschen umgehen soll. Ich glaube, wir haben gesellschaftlich noch keinen angemessenen Umgang mit diesen Menschen gefunden.

Und ich frage mich: Was aber sind andererseits die Probleme der Bettler mit uns und ihrer Lebenssituation bei uns? Ich glaube dieser Blickwechsel kann meine Sichtweise auf bettelnde Menschen verändern: Bettlerinnen und Bettlern ist oftmals kalt, viele Bettler haben Nierenerkrankungen, weil sie sieben Tage in der Woche zehn Stunden auf der kalten Straße sitzen. Bettler leiden unter der Trennung von ihren Familien. Bettlerinnen und Bettler haben Angst vor Kontrollen.
Ich finde, wenn man über das Problem mit den bettelnden Menschen diskutiert, sollte man immer auch sie selbst fragen, was ihre Probleme bei uns und mit uns sind. Vielleicht mit dem Ziel, sie raus zu holen aus der Anonymität und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Denn erst dann kann ich manche Bettlerprobleme in einem anderen Licht sehen.